Hofbericht

Mein Fondlihof – Von Rapunzel, Zuckerhut und Bethmännchen

Die Tese feiert ihren fünfundzwanzigsten Einsatz auf dem Fondlihof und dankt für reiche Ernte und Freundschaft

Mein Fondlihof – Von Rapunzel, Zuckerhut und Bethmännchen

Teses Jubiläumsernte ist zugleich auch die letzte in diesem Jahr.

Kalt und neblig feucht präsentiert sich alles. Laut Erinnerungsmail von ortoloco, das immer zuverlässig zwei Tage vor dem Ernteeinsatz eintrifft, sollen heute zwei Katharinas zum Ernten kommen, dazu eine Linda und ein Dominik. Die Tese freut sich schon auf alle, sie kennt diese Erntegspänlis noch nicht, aber es ist immer wieder sehr schön, neue Leute bei der Arbeit auf dem Fondlihof kennenzulernen. Eine der Katharinas – Kati mit dem wunderschönen Baseldeutsch – trifft sie schon beim Umziehen. Wie muss man sich wohl kleiden fürs Ernten heute? Geht’s in den Gemüsetunnel – was man fast ein wenig hofft – oder auf die feuchten, matschigen Felder? Kati zieht vorsorglich Stiefel an. Tese hasst die schweren Dinger, und da erweist sich Kati sich als Engel: Sie findet der Tese ein Paar leichte, gefütterte Stiefel und rettet ihr damit zweifellos den Erntenachmittag, denn es geht nicht in den Tunnel, sondern… aber davon etwas später.

Denn jetzt treffen erst mal die weiteren Erntehelfenden ein: Die zweite Katharina und ein Mann. «Bist du Dominik?» fragt die Tese. «Nein, ich bin Linda», lacht Simon aus Schaffhausen, der Linda vertritt. Dominik trifft dann auch ein, und mit ihm die jüngste Erntehelferin heute: Kleo, die vor noch nicht langer Zeit Geburtstag feierte, mit vier Kerzchen auf dem Kuchen. Sie hat auch schon bei dem tollen Agroforst-Projekt geholfen, erzählt Papa Dominik, und nun kann Kleo so richtig schön zusammen mit den Bäumen im Agroforst heranwachsen.

Dann treffen auch noch Stefan und Angie ein, als Überraschung und Verstärkung, und das ist nun wirklich ein Segen, denn jetzt erscheint Rosa vom Gartenteam, die uns heute wieder anleitet, und lässt die Katze aus dem Sack: Es geht zum Nüsslerschneiden aufs Feld! Rosa versucht diesen Bescheid aus gruppenpädagogischen Gründen als harmlos zu verkaufen, aber die Tese hat ein gutes Gedächtnis: Im heissen August hat Rosa erzählt, wie das jeweils so ist, wenn man im Winter beim Nüsslerschneiden an die Finger friert, und dass die Nüsslerernte durchaus nicht ihre Lieblingsernte ist. Auf jeden Fall zieht die Tese Plastikhandschuhe an, und wollene Halbhandschuhe darüber, und zusammen mit drei Paar von Teses Mama gestrickten Pulswärmern geht es dann in der Folge ganz ordentlich. Aber zum Glück sind wir neun Personen, zusammen mit Kleo! Denn diese Nüsslerzeilen ziehen sich lang, und vorwärts kommt man überhaupt nicht – da ist das Edamame-Feld dagegen damals die reinste Rennbahn gewesen.

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Weil der Nüssler direkt ausgesät worden war, sitzt er tief, man muss bis in die kalte feuchte Erde hinunter schneiden, um ihn schön als ganzes Pflänzchen herauszubekommen. Es ist eine knifflige Sache, und die Tese erwägt sogar zwischenzeitlich wehmütige Gedanken hin zu den stachligen Kardi. «Wie ist wohl der Nährwert von Nüssler?» sinniert Simon. «Auf alle Fälle kann man genug davon bekommen», denkt die Tese, während sie die nassen Erdbrocken vom Messer streicht.

Aber wunderbar und lecker ist er natürlich, der grüne knackig feine Nüssler, das ist unbestritten! Und durch Märchen erwiesen: Rapunzels Mutter gelüstete es während der Schwangerschaft ja so sehr nach «Rapunzel» - denn das ist der andere Name für Feldsalat, Nüssler – dass ihr Mann über den Zaun steigen und bei der Zauberin im Garten von deren Nüssler stehlen musste, mit den bekannten Folgen. Und während sich die Tese im Stillen das Rapunzel-Märchen erzählt, kommt man doch allmählich ans Ende des Feldes. Aber es bleibt eine Tatsache: Nüssler ist alleweil schneller gegessen als geerntet.

Die vierjährige Kleo hält bewundernswert aus, aber nun ist sie doch froh, gibt es Pause.

Es gibt heissen Kaffee und Fondlihof-Tee, und ein grosser Panettone steht auf dem Tisch. Kleo hat lieber Guetsli aus der schönen Büchse, die sie und ihr Papa mitgebracht haben. Aber wir anderen geniessen den Panettone, und es entspinnen sich Fachgespräche über die Eigenfabrikation von Leckereien. Dominik hat einmal nachts um halb drei einen Panettone gebacken, und Katharina aus Frankfurt, die schon fast perfekt Zürichdeutsch spricht, hat schon selbst Marzipan hergestellt. Frankfurt ist berühmt für Marzipan, für die Bethmännchen aus gemahlenen Mandeln, Puderzucker und Rosenwasser. Drei Mandeln werden aufgesetzt, lehrt uns Katharina, die auch noch Dozentin für BA Produktedesign ist - drei Mandeln, für jeden der drei Söhne der im 18. und 19. Jahrhundert berühmten Frankfurter Bankiersfamilie Bethmann eine, denn sie gab den Bethmännchen den Namen.

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Nach der Pause werden wir aufgeteilt. Angie und Stefan holen Kartoffeln, Dominik und Kleo gehen mit Rosa zum Rosenkohl, und die Katharinas, Simon und ich kommen zur Kathedrale, wo auf mehreren Hunden hohe Kistenstapel mit Zuckerhut herangeführt werden, den wir nun putzen.

Das geht flott voran, Zuckerhut ist grösser als Nüssler, allerdings wirkt hier das Gesetz der grossen Zahl – es ist eine ganze Menge Zuckerhut. Aber wir arbeiten uns perfekt in die Hände, unterhalten uns über Dialekte, Kindernamen und Ständeratswahlen, und so vergeht die Zeit im Flug. Genau als die Dämmerung gegen 17 Uhr einsetzt, sind wir fertig.

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Und dann senkt sich die Nacht über ortoloco. Es ist ganz still, der dunkle Himmel über dieser vorfesttäglichen Zeit – den einen Freude, anderen Wehmut oder gar Last, oder auch überhaupt nichts bedeutend - schweigt.

Es sind keine Hirten auf dem Felde. Aber der Stall des Fondlihofs leuchtet. Ochs und Eselein – nein, Rinder und Kälbchen fressen an der langen Futterkrippe.

Und den Menschen ein Wohlgefallen.

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Die Tese dankt – für wunderschöne, bereichernde Monate mit immer - wirklich immer! – schönem Ernten, für all die unvergleichlichen Begegnungen, all die Freundschaften, all die Menschen, die wiederzusehen sie sich sehr freuen wird. Und jene, die den Fondlihof auf Ende Jahr verlassen haben, für eine andere Station in ihrem Leben, die wird sie nie vergessen.

Und sie freut sich schon auf das neue Jahr. Ja, die Tese freut sich, denn ortoloco bedeutet ein Stück Glück. Dazu passt auch, dass sie, wie heute auch wieder, regelmässig vierblättrige Kleeblätter auf den Feldern des Fondlihofs findet.

Auf Wiedersehen, und bis bald!

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