Mein Fondlihof – Von Hunden und Kathedralen, und Cicorino unplugged
Die Tese ist zurück auf dem Fondlihof, zu einem wunderbaren Erntenachmittag mit vielen neuen Eindrücken

Seit anfangs November wird jetzt nachmittags geerntet, von 13 Uhr bis 17 Uhr. Sechzehn Tage ist es her, seit die Tese zum letzten Mal bei ortoloco gewesen ist. In der milden Herbstsonne biegt sie auf den Hof ein, wo sie gleich von Michael entdeckt wird, Michael, der «gute Geist» von ortoloco, wie Rosa vom Gartenteam ihn zurecht nennt – Michael, der die ortoloco-Velos instand hält, der hämmert, schweisst und schreinert, und alles flickt, was es zu flicken gibt.--- «Willkommen!» ruft Michael ihr zu, und das tut der Tese wohl, denn sie war gerade daran, ihren Gedanken über Jacky nachzuhängen – Jacky ist Teses Ehemann, der im Sommer vor einem Jahr gestorben ist und eigentlich anders heisst, von dem aber sonst alles stimmt, was über ihn hier gelegentlich geschrieben steht – und dabei über der Frage zu brüten, ob eigentlich trauriger ist, dass Jacky nie mehr zu der Tese heimkommt, oder dass Jacky nie mehr da ist, wenn die Tese heimkommt. Und so freut sich die Tese an Michaels Gruss und geht dann ins Gebäude hinein, wo ihr faszinierter Blick gleich an zwei schriftlichen Anweisungen hängen bleibt: «Hier Farbige Rollis / Hunde» steht links, und «Alle anderen Rollis / Hunde bitte fürs Gemüse zur Kathedrale bringen» steht rechts. «Merci!» heisst es auch noch.

Die Tese sieht vor ihrem geistigen Auge rollende Hunde vor einer Kathedrale herumspringen und lässt sich später die Sache von Robi und Rosa erklären. Hunde sind tatsächlich Rollmöbel zum Transportieren von Sachen, so wie sie auf dem Foto auch zu sehen sind. Ganz ursprünglich kommen diese Möbelhunde aus dem Bergbau, weiss dann noch das Internet.
Und die Kathedrale? Das ist das grosse Gemüselager, ganz hinten neben dem Stall, und es heisse so, weil das Dach dort so hoch ist, dass es dem ganzen Gebäude aufstrebende Höhe verleiht, wie bei einer Kathedrale eben – und wenn vielleicht nicht geradezu einer gotischen, denkt die Tese wohlwollend, doch zumindest einer romanischen. Der Ausdruck stamme aus einer besonders schöpferischen Phase der Namensgebungen bei ortoloco, vermutet Robi, und die Tese findet dies schön wie den Namen «ortoloco» selber.
Und jetzt geht es im gleissenden Sonnenschein zum Ernten. Es sind diverse Gnossis eingetroffen, Diana, Melita, Angela--- und auch zwei Buben sind heute da, ein Sebastian, der aber Johnny heisst, er ist nur für Sebastian da. Was bei Schillers «Die Bürgschaft» geht, geht auch bei ortoloco.
Zuerst ernten wir Kardy, was die Tese sehr freut, denn mit den Kardy lebt sie anschaumässig schon seit Juni, wo sie noch fast unsichtbar waren, bis sie nun im Laufe der Monate zu diesen grossen gefiederten graugrünen Pflanzen herangewachsen sind. Rosa mäht die Kardy fachkundig mit der Sense nieder und erklärt, wie die Stängel hergerichtet werden müssen, damit sie dann als Delikatesse in die Abo-Taschen gelegt werden können. Denn so wie sie jetzt auf dem Boden liegen, sind die Kardy-Stängel unantastbar. Die Kardy ist eine Riesendistel, die Stängel sind mit schwerterscharfen Stacheln bewehrt, müssen mit der Messerspitze aufgehoben und dann sehr vorsichtig mit zwei Fingern in der Mitte gehalten werden, wo man sie nachher wiederum mit dem Messer von den Stacheln befreit. Man fasst einen Kardystängel im Leben nur ein einziges Mal falsch an.


Und dann geht es zum Yacon. Der hat im Laufe der letzten Wochen einen hohen grünen Wall auf dem Land von ortoloco gebildet, und nun werden wir ihn ernten. Auch diese stolze Pflanze wird mit der Sense niedergemäht, dann werden die Stängel und Blätter zur Seite geschafft, so dass wir freien Blick auf die Yacon-Wurzel bekommen, die zum unterirdischen Leben des Yacon führt. Denn es sind die Wurzelknollen des Yacon, die gegessen werden – genau wie bei den Kartoffeln und den Süsskartoffeln. Der Yacon ist aber wie die Süsskartoffel keine Kartoffel, sondern ein grosser stattlicher Korbblütler, der Wunderbares verborgen unter der Erde für uns bereithält. So müssen die Yaconwurzeln nun mit der Grabgabel sehr vorsichtig ausgestochen werden, und anschliessend bricht man die einzelnen Knollen sorgfältig voneinander. Es ist eine Schwerarbeit - die Völker der Anden, wo der Yacon herstammt, leisten sie seit vielen Jahrhunderten.


Die Tese wird dann mit ein paar anderen vom Yacon abgezogen, zuerst zum Pak Choi, und dann zum Cicorino Rosso. Der Pak Choi ist ein Traum zum Ernten. Hellgrün und knackig liegt er zufrieden lächelnd in kreisrunden Rosetten da, fährt nicht den geringsten Stachel aus und lässt sich problemlos oberirdisch schneiden. Das Cicorino-Feld danach ist von einem Elektrozaun umgeben, der lüsternen Rehe wegen, die von dem Wald ob dem Fondlihof her ständig auf Naschereien aus sind. Rosa stellt den Strom ab, und wir ernten den Cicorino unplugged.
Nach der Pause ist der Rucola im Gemüsetunnel dran, und da schliesst sich eine Art Kreis für die Tese: Rucola ist das Allererste, das sie seinerzeit geerntet hat, als sie im März auf dem Fondlihof bei der Ernte mitzuhelfen begonnen hat.
Dann, zum Schluss geht es noch einmal zum Yaconfeld. Das ganze Ernteteam, alle zusammen, graben wir nun die restlichen leckeren Knollen aus, in der untergehenden Sonne, und die Tese malt sich das Abendrot in den Anden aus.

Und dann senkt sich tatsächlich der Abend allmählich auf den Fondlihof nieder. Man verabschiedet sich voneinander, und Finn – der wunderbar kluge Finn mit dem goldenen Herzen – schenkt der Tese noch eine Flasche des köstlichen frisch gepressten ortoloco-Apfelmost.
Dann geht die Tese Richtung Bahnhof und wirft noch einen Blick zurück auf die schimmernden Lichter des Fondlihofs, der ihr zu einem Stück Heimat geworden ist.
