Mein Fondlihof – Von der Ladina und vom Schletzgummi
Die Tese ist wieder eifrig in der Apfelernte, wo man gut aufpassen muss, dass die Äpfel keine Bätsche und Müüssi erhalten.

Der Zug zwischen Aarau und Killwangen tut der Tese, die von Biel her anreist, erneut nicht den Gefallen: 3 Minuten Verspätung hat er, und so erwischt sie wieder nicht die Limmattalbahn, die um 12h42 gegen Dietikon Maienweg abfährt, sondern erst jene von 12h57. Die reicht zwar auch, für den Erntebeginn um 13h30, aber so bleibt nur noch sehr wenig Zeit, noch das Gemüse zu besichtigen, bevor es dann in die Obstanlagen geht. Immerhin, für einen kurzen Besuch auf den Feldern reicht es doch noch aus, und die Tese freut sich an den vielen verschiedenen Salaten, die heranwachsen, an violett und dunkelgrün schillerndem Wirz---- und an den Cardy! Die Cardy, die Ende Juni von blossem Auge noch kaum zu sehen gewesen waren, so dass das Grüppchen der Erntehelfenden sie beinahe zertreten hätte – diese Cardy spreizen nun wahrhaft grossartig ihr Gefieder.

Beim Wohnhaus in der Küche herrscht kurz vor halb zwei noch geschäftig fröhlicher Betrieb. Immer Dienstags ist gemeinsame Tafel des Hof- und des Gartenteams, einige sind noch da und in angeregtem Gespräch, und die Tese kann schnell noch der Ste sagen, dass sie Heimweh hat nach ihr und dann im Oktober auch wieder zum Gemüse ernten kommen wird.

Jetzt aber geht es los mit der Apfelernte, heute mit Vanessa. Seit der Kirschenernte hat die Tese Vanessa nie mehr als Anleiterin bei der Ernte gehabt, und das ist ein freudiges Wiedersehen. Vanessa, die coole Vanessa mit dem lässigen Undercut, ist nämlich durchaus ganz wie eine Mutter zu uns. Sie achtet darauf, dass wir uns auch im September noch gegen Sonnenbrand eincremen, bindet uns bei Bedarf die Schuhe und motiviert uns unablässig.

Damals bei der Kirschenernte hat Vanessa von den einzelnen Kirschen gesprochen wie von Lebewesen mit persönlichem Charakter, was sie natürlich auch sind. Und bei den Äpfeln ist das genauso. Vanessa stellt der Erntegruppe die Ladina vor, die Apfelsorte, die wir heute ernten. Auch hier gilt Deckfarbe rot, und die helle Seite soll nicht mehr grün sein. Jedoch ist das Deckrot beim Ladina-Apfel weniger pink als bei den Resi-Äpfeln, sondern mehr so gegen orange zu, aber Hauptsache rot – Loriot lässt grüssen.
Und dann legt Vanessa noch eine Ebene drüber: Wenn ein Apfel nicht sehr rot ist, aber gross und rundum schön gelb, und uns somit den Eindruck einer wahrhaft gelungenen Ladina vermittelt, dann können wir ihn auch pflücken. «Ihr dürft dem Gelb vertrauen.»

Anschliessend erteilt uns Vanessa auch noch einmal Materialkunde in Sachen Apfelkorb, weist eindringlich darauf hin, dass wir den Schletzgummi gut einhängen und ja nicht verlieren dürfen, denn in der Landi kann man ihn nicht nachkaufen. Der Schletzgummi ist die elastische Gummikordel mit der man den nach oben umgelegten, unten offenen Sack des Apfelerntekorbs fixiert.

Im übrigen, fährt Vanessa fort, seien wir vier - es sind wieder Marcel und Valérie aus Paris dabei, und auch noch Ruth, die ebenfalls nicht zum ersten Mal Äpfel erntet – ja schon bewährte Erntehelfende, darum habe man uns an diesem Nachmittag auch für die Ladina-Äpfel eingeteilt, denn da müsse man schon ein geübtes Auge haben. Dieses Lob freut und stärkt uns, und selbstbewusst gehen wir ans Werk. Die Tese fühlt sich grossartig, pflückt mit Expertinnenblick und kann Korb um Korb behutsam, wie sie es gelernt hat, in die Paloxe gleiten lassen. Und dann passiert es! Der Schletzgummi – der choge cheibe Schletzgummi – lockert sich unbemerkt, kurz bevor die dritte Portion in die Paloxe soll, und fast ein Dutzend wunderschöne Äpfel kullern auf den Boden ins Gras. Die Tese kräht vor Entsetzen und Ärger, denn sie weiss, was das bedeutet: Auch wenn die Äpfel nur rund 30 Zentimeter hinuntergefallen sind, können sie kleine Dellen erhalten haben und taugen daher nicht mehr für perfektes Lagerobst. «Die kommen jetzt einfach zum Mostobst», beruhigt Vanessa, «oder nimm sie doch nach Hause, ihr könnt eh alle noch Äpfel heimnehmen, wir machen auch noch einen Pausenobst-Korb.» Die Tese schämt sich ein wenig, dass sie zur Belohnung für das Missgeschick mit dem Schletzgummi noch feine schöne Äpfel erhalten soll, und passt nun doppelt auf – bis ihr dann kurz vor Schluss um 17h30 noch einmal ein Fehler geschieht, denn da vergisst sie beim allerletzten Korb, den Schletzgummi zu lösen, und Vanessa muss sie darauf hinweisen. «Sonst bekommen die Äpfel Bätsche.» Bätsche, denkt die Tese sehr zerknirscht, das sind sicher auf Zürichdeutsch Schläge, und die führen dann in Berndeutsch zu Müüssi. Und das muss man vermeiden!
Vanessa lobt uns aber insgesamt für gutes und sorgfältiges Ernten. Zweieinhalb Paloxen Ladina schaffen wir, geschätzte 550 bis 600 Kilo sind das – eine ganze lange Reihe, von beiden Seiten, haben wir gepflückt. Es hat jedoch noch viele, viele Äpfel, und die Ladina ist erst die dritte Apfelsorte von zehn, die auf dem Fondlihof kultiviert und der Reihe nach, bis in den späten Herbst hinein, gepflückt werden.
Aber davon, und von einem richtigen «Apfeltratsch» in der Pause, wo die einzelnen Sorten, von der Diwa bis zu Topas und Rubinette, genüsslich verhandelt werden, ist dann ein andermal die Rede.
