Mein Fondlihof – Von Birnen und Zwetschgen und feinen Düften
Tese ist zum ersten Mal bei der Arbeit in den Obstplantagen dabei und lernt viel über biologische Schädlingsbekämpfung.

Es ist keine Rede heute von Vorboten eines goldenen Herbstes, heute an diesem 28. August. Es ist grau und verhangen, und die Tese macht sich auf Regen gefasst, als sie von Biel ins Limmattal aufbricht. Trotzdem geht sie sehr gerne auf den Fondlihof, denn erstens ist das Wetter noch nicht erfunden, wo sie nicht gerne zu ortoloco ginge, und zweitens wartet heute schon wieder eine besondere Premiere auf sie: «Äpfel und Birnen ernten» war ausgeschrieben gewesen, von 13h30 bis 17h30. Diese Ernte ist noch gar nicht lange im Gang, und die Tese war noch nie dabei.
Der Himmel ist tatsächlich auch bei ortoloco sehr bedeckt - aber wunderbar üppig blüht es im Garten, Herbstanemonen in weiss und allen rosa Schattierungen. Und ein überwältigend betörender Duft entströmt dem Clerodendum Bungei vor dem Gartenzaun. «Herrlicher Losstrauss» zu Deutsch, sehr treffend – der Duft ist auf dem ganzen Vorplatz vor dem Fondlihof zu erhaschen, wenn man die Nase in die richtige Richtung hält.

Tina nimmt uns drei Erntehelferinnen in Empfang, wir machen drinnen schon mal Erntekisten für Williamsbirnen bereit. Dabei kommen wir ins Gespräch über biologische Schädlingsbekämpfung. Die Tese interessiert sich sehr, und Tina teilt bereitwillig von ihrem grossen Wissen. Fondlihofbäuerin Tina ist in jeder Hinsicht bemerkenswert: Sie ist wissenschaftlich überaus fundiert unterwegs, sehr erfahren und kompetent, und sie kombiniert das alles mit ihrem grossen Herzen, ihrer Liebe zu allen Lebewesen, Menschen, Tieren und Pflanzen. Die Tese könnte ewig zuhören, und sie tut es heute auch besonders gern, denn es jähren sich genau die Tage, wo sich abzeichnete, dass Jäcky vielleicht nie mehr nach Hause zurückkehren wird. Jäcky ist Teses Ehemann, den sie Ende August des vergangenen Jahres verloren hat, und wenn die Tese manchmal nicht weiss, wo sie mit ihrer Trauer hinsoll, ist der Fondlihof immer ein guter Ort. Und während die Tese wirklich Tese heisst, heisst Jäcky eigentlich anders, aber sonst stimmt alles über ihn, was hier ganz gelegentlich von ihm berichtet wird.

Die biologische Schädlingsbekämpfung ist ein sehr wichtiges Thema, und ebenfalls sehr wichtig findet Tina, dass man darüber spricht. Falsch wäre eine Haltung, wo man bei «spritzen» einfach nur an Gift und umweltschädliche Pestizide denkt. Wer biologischen Landbau betreibt und Ertrag haben will, muss sich kundig machen über biologische, naturverträgliche Schädlingsbekämpfung. So wie es das Fachteam auf dem Fondlihof tut. Der grosse Player in diesem Zusammenhang ist «Andermatt Biocontrol Suisse.» Ihr Credo ist «mit Hilfe von biologischen Methoden zur Schädlingsbekämpfung gesunde Nahrungsmittel aus einer gesunden Umwelt, für alle Menschen zu ermöglichen.» Gerade gestern war jemand da von Biocontrol, erzählt Tina, es ist eine grosse Unterstützung, die Beratung und die Produkte – so wie der «Madex», kleine Maden, sogenannte Apfelwickler-Granuloseviren, die dem schädlichen Apfelwickler zu Leibe rücken, ohne dabei Bienen, Menschen oder Säugetieren zu schaden.
Dann geht es in die Obstplantagen, und da lernen wir gleich etwas weiteres zur biologischen Schädlingsbekämpfung. Tina hält eine Art rote Spange hoch und erklärt uns, das sei ein «Pheromondispenser». Fasziniert hören wir zu und erkennen: Biologischer Landbau erfordert auch viel Schläue und manche List. Pheromone sind Botenstoffe, Lockstoffe in unserem Fall, die hochkonzentriert in Obstanlagen eingesetzt werden. Männliche Schädlinge fühlen sich dann in einem gewaltigen Übermass von den Weibchen angelockt, der synthetische Lockstoff verwirrt sie und sie können sich, überfordert von allem, nicht mehr fortpflanzen und der Schädlingsbefall sinkt dadurch.

Und jetzt werden Wiliamsbirnen geerntet! Die Tese lernt, was eine Sollbruchstelle ist, und wie man genau hier die Birne ganz sorgfältig abpflückt. Sie sind eher rare Ware, diese Williamsbirnen, vier flache Kisten gibt es abzuernten, und dazu noch eine Schnapskiste, mit den leicht beschädigten Birnen.

Und dann geht es nicht gleich zu den Äpfeln, sondern erst noch zu den Zwetschgen. Top Hit heisst die wunderbare Sorte, und der Name ist Programm. Sie soll noch ein paar Tage weiter reifen, bis sie dann wirklich top geerntet wird, und zuvor gilt es, von Schimmel befallene Früchte wegzunehmen, damit sie keine weiteren anstecken. Die Tese arbeitet wacker, sogar auf der Leiter, und freut sich oben an der Aussicht über die Plantage und das ortoloco-Land.

Nach der Pause geht es dann noch in die Äpfel, aber auch hier heute nicht zum Ernten, sondern zum Ausdünnen der Sorte Rubinette. «Man macht das ja nicht so gerne», sagt Tina mit dem grossen Herzen, «aber es muss sein, wenn der Baum die Last tragen und seine Kraft bewahren soll, und wenn wir wirklich gute, saftige Früchte haben wollen. Daher muss im jetzigen Stadium bei allzu dicht beieinander wachsenden Äpfeln ausgedünnt werden.»
Das machen wir also, und so wird es dann hier schon bald saftige, herrliche Rubinette zu ernten geben.
Und dann ist es schon halb sechs, und die Tese schwingt sich auf ein ortoloco-Fahrrad, für die Rückfahrt auf die Bahnstation Maienweg. «Hast du dir ein paar Zwetschgen eingepackt?» ruft ihr Vanessa noch nach. «Am Dienstag dann gerne!» ruft die Tese zurück, denn dann wird sie bereits wiederkommen. Es gibt viel Obst zu ernten in den nächsten Wochen, und da will sie dabei sein.