Mein Fondlihof – Knackiger Alpenbitter und Pausengipfeli
Die Tese erntet drinnen und draussen und hat zum Schluss blitzsaubere Stiefel

Man hatte es kommen sehen, seit einer Woche und noch während die Tese bei Sonne und 16 Grad auf Velotouren unterwegs gewesen war – der Wetterbericht hatte es drastisch vorausgesagt: Harter Frost auf den Samstag hin, und für den Erntemontag dann Regen und Westwind bei 6 Grad.
In der Tat kommt die Tese bei grau verhangenem Himmel auf dem Fondlihof an. Sie schaut in die Kirschenanlage und zu den Obstbäumen – Tina, Finn und das ganze Team, sie haben in der Frostnacht alles gegeben, um die Kulturen zu schützen, mit Kerzen bei den Kirschen, mit Blütenvereisen bei den Äpfeln. Jetzt hoffen wir alle.
Heute leitet uns Robi an, und er hat einen sehr listigen Plan, auf den Säulen der Meteo-Prognose ruhend: Jetzt, wo gemäss Radar jeden Moment der Nieselregen einsetzen wird, wollen wir als erstes in den Gemüsetunneln ernten. Danach, wenn es aufhellen wird, nach der Pause nämlich, werden wir dann draussen den Lauch für die Abotaschen von Dienstag schneiden und putzen.
Das leuchtet uns voll ein und wir gehen zuerst in den mittleren Gemüsetunnel, zum Schnittsalat. Dieser ist sehr schön gewachsen, eine wahre Freude.
Abgesehen von Robi sind heute keine Buben dabei, sondern alles Erntehelferinnen: Ausser der Tese sind es Saskia, Susanne, Antonia und Karin.

Die Tese erntet eine ganze Weile in den Salatreihen gegenüber von Karin, und es ergeben sich interessante Gespräche über den Klettersport, über Extrembergsteigen, Velototouren und Tiere. Karin ist Veterinärin, es ist sehr spannend, und die Unterhaltung setzt sich nahtlos bei der Spinaternte fort.
Alles läuft reibungslos, das Einzige, was sich nicht wie vorgesehen abspielt, ist der Regen, der schert sich nicht um die Radarprognose und ist vorläufig nicht in Sicht.
Mittlerweile haben Karin und die Tese herausgefunden, dass sie beide unter gequetschten Rippen leiden, die Tese seit zwölf Tagen, Karin seit sieben Tagen. Höchst aufgekratzt ergeben sie sich einem begeisterten Fachsimpeln darüber.
Jetzt ruft Robi uns zusammen und zeigt uns, wie die Winterkresse zu ernten ist. Winterkresse – Barbarea vulgaris, die Tese hat die bisher nicht gekannt. Immer wieder gibt es Neues bei ortoloco zu entdecken! Die Winterkresse sei «noch etwas ausgeprägter als Rucola», sagt Robi, und diese schöne Verheissung ist zweifellos geeignet, sowohl fanatische Rucolo-Anhänger als auch pointierte Rucola-Gegner auf den Plan zu bringen. Die Tese nimmt’s wunder, sie zupft sich eine kleine Raute, isst sie und stellt fest, das fährt ein wie ein Alpenbitter oder sonst so ein flotter Kräuterschnaps, der sich auf seine knackig pflanzlichen Ursprünge zurückbesinnt.

Wir schneiden also diese faszinierende Winterkresse, unter der anschaulichen Anleitung von Robi, der diese wieder so liebenswürdig gibt, dass die Tese denkt: So schön, wie er das macht, aber blöd, dass er nicht gleichzeitig im Haus für uns Zvieri machen kann. Denn wie die Fondlihofberichtleser*innen bereits wissen, ist Robi fantastisch im Zvieri vorbereiten, er richtet immer so einen gastlichen Tisch her. Als ob Robi die Gedanken der Tese gelesen hätte, entwickelt er schon wieder einen genialen Plan: Wir dürfen die Winterkresse alleine ernten, und er geht derweil schon mal Kaffee und Tee aufsetzen. Wenn wir dann fertig sind, sollen wir kommen, und dann wird auch das Zvieri bereit sein.

Als wir fast fertig sind mit dem Schneiden des leckerfrischen Alpenbitter, wird der Gemüsetunnel von tosendem Wind geschüttelt, und heftiger Regen prasselt aufs Dach. Mit hochgezogenen Kapuzen gehen wir von den Tunneln ins Haus, wo uns im Pausenraum wie vorausgesehen ein herrlicher Tisch erwartet, mit dem grossen Messer in den saftigen Äpfeln, mit heissem Kaffee und Hoftee, mit Apfel- und Beerenkonfitüre. Und schon wieder feine Gipfeli gibt es! Bereits bei ihrer letzten Ernte, vor vierzehn Tagen, ist die Tese in den Genuss gekommen, und heute fragt sie nun nach. Sie erfährt, dass Michał die Gipfeli bringt, Michał, der die Velowerkstatt von ortoloco führt und auch sonst der Mann für alles ist. Lieber Michał – diese nette Geste gleicht ihm rührend.

Robi ist es nicht recht, dass wir jetzt im Regen aufs Feld müssen. Aber was kann denn Robi dafür, wenn sich das Wetter nicht an die Radarprognose hält?
Wir ernten und rüsten nun also draussen eine tolle Menge exquisiten Lauch, es wird für alle mindestens zwei Stängel in die Abotaschen geben.
Und anschliessend bleibt noch eine halbe Stunde Zeit, um in der Kathedrale den Knollensellerie zu rüsten. Teo hat ihn mit Soraya, die ebenfalls jetzt neu ihr Praktikum bei ortoloco macht, hingebracht. «So könnt ihr dem Regen entfliehen», sagt Robi erleichtert, denn er ist immer sehr um das Wohl seiner Ernteschützlinge besorgt. Und danach, kaum sind wir drinnen, lacht draussen frech die Sonne durch ein blaues Wolkenloch. Robi ist völlig entrüstet, und wir lachen – das Wetter verhält sich heute einfach deutlich azyklisch.

Dem Sellerie merkt man an, dass er aus nass kaltem, matschigem Boden kommt, er ist mächtig von Erde verschmutzt, und wir, ebenfalls vom matschigen Feld kommend, passen gut dazu. Teses Brille ist dreckig, die Handyhülle auch, von Hut und Handschuhen ganz zu schweigen. Die anderen sehen nicht besser aus. Das Einzige, was nicht schmutzig ist, sondern vor Sauberkeit glänzt und strahlt, das ist zum einen der Lauch, den Teo mittlerweile sauber gewaschen hat, und die Stiefel der Tese, von Saskia mit dem Hochdruckreiniger abgespritzt. Danke, Saskia, und bis bald!

