Mein Fondlihof – kalte Rüebli und Tigerschnecken
Die Tese säubert frisch gestochene Karotten und geniesst Goldgräberstimmung bei den Süsskartoffeln

Ein neuer Tag hebt an über dem Fondlihof. Kühl ist es vorläufig noch, und die Tese zieht dünne Plastikhandschuhe an, für alle Fälle, und gibt gerne auch welche an jene Ernte-Gspänlis ab, die froh sind darüber. Besammelt haben sich heute Franziska und Hämmi, der eigentlich Christian heisst, aber Christians gibt es schon so viele, darum ist er der Hämmi. Dann ist Tanya dabei, und Nicolas. Eingeschrieben war Juliane, Nicolas’ Mutter, die die Tese im Juni kennengelernt hat, aber heute vertritt er das Familien-Abo. Vom Fachkräfteteam sind Ste und Rosa da, um uns anzuleiten, und es gibt gleich zwei Gruppen. Die einen können dann Rüebli stechen und säubern, die andern können Palmkohl ernten. Das reizt die Tese eigentlich noch, aber bevor sie, die bedächtige Bernerin, das P von Palmkohl überhaupt ausgesprochen hat, sind die flinken Zürcherinnen Franziska und Tanya schon an ihr vorbeigeflitzt und erfolgreich in der Gruppe Palmkohl gelandet. Und so gehen Rosa und Nicolas und Hämmi mit der Tese zu den Karotten, die drei stechen und die Tese säubert, befreit die Rüebli vom Kraut und von den grössten Erdklumpen. Das macht übrigens auch sehr Freude, die Rüebli sind klein und gross, haben klassische Formen und auch ganz besondere - es ist sehr kurzweilig.
Und weil man nahe beieinander arbeitet, kann man sich auch gut unterhalten, ohne dass die Arbeit leidet.

Dann stossen auch Tanya und Franziska zur Rüebligruppe. Sie haben den Palmkohl fertig geerntet – diese schöne Pflanze, die die Tese unter Nero di Toscana kennt. Es sei schön, ihn zu ernten, erzählen sie, man breche sorgfältig die äusseren grossen Blätter von unten ab und lasse das Innere der Pflanze stehen, damit die kleinen Blätter innen weiterwachsen können. Franziska bereitet den Palmkohl gedämpft zu, mit angeröstetem Knoblauch und Zitrone, Tanya gratiniert ihn, mit Parmesan obendrüber.

Nach der Rüebli-Ernte geht es erneut zu den Edamame, den japanischen Strauchbohnen. Diese Woche wird das Feld nun abgeerntet, die Pflanzen werden ausgerissen und all die feinen Edamame-Schoten abgepflückt. Die Gnossis haben Freude an den Edamame, erzählt Rosa, für manche ist es eine Neuheit. Der Fondlihof ist mit Recht stolz auf seine Sortenvielfalt, immer wieder lernt auch die Tese neues Gemüse kennen, wie heute den Yacon, der wunderbare hohe Pflanzen bildet, aus den Anden stammt und ein Cousin des Tobinambur ist. Angepflanzt hat ihn ortoloco neben dem Süsskartoffelfeld, wo wir die letzte Erntestunde verbringen.

Heute ernten wir aber noch nicht den Yacon, sondern eben die Süsskartoffeln. Bevor wir die aber graben können, muss zuerst eine Schwerarbeit verrichtet werden. Die Süsskartoffel ist ja eigentlich keine Kartoffel, sondern eine Winde, eine Prunkwinde sogar, Ipomoea, und sie bildet zähe lange Schlingen über dem Boden – einen richtigen Teppich davon, und der muss jetzt zuerst weggerissen werden. Die Tese kann das überhaupt nicht gut, wie sie selbstkritisch feststellt, sie begibt sich beobachtend an den Rand und denkt, dass es ja auch immer Chronistinnen braucht, die ruhmreiches Tun von anderen dokumentieren. Und wahrlich – Rosa, Franziska und Hämmi vollbringen Heldenhaftes und befreien das Feld sehr erfolgreich von den zähen Schlingen.

Und nun geht das Süsskartoffelgraben an, und man kommt sich wirklich vor wie beim Heben eines Schatzes. Ein Forty-Niner während des kalifornischen Goldrauschs kann beim Fund eines gewaltigen Goldnuggets nicht glücklicher gewesen sein.

Die Regenwürmer allerdings staunen ein wenig, dass man sie in ihrer Ruhe stört. Die Tese beruhigt sie und sagt ihnen, dass sie bald wieder ungestört für beste Bodenqualität sorgen können. Wer sich eher beleidigt davon schleicht, ob der ganzen Graberei, das ist die Tigerschnecke. Ein paar prächtige Exemplare sind zu sehen. Die Tigerschnecke ist im Prinzip eine «gute Schnecke», sie frisst die Eier anderer Nacktschnecken und räumt mit allerlei weiterem Ungeziefer auf. Gibt es aber gerade nicht viel davon, interessiert sie sich dann doch durchaus auch für Gemüse und knabbert schon zuweilen eine Süsskartoffel an.

Es ist eine schöne Ernte - viele Süsskartoffeln, die insgesamt zusammenkommen, alle freuen sich daran. Und kalt hat man nun auch nicht mehr! Dies aus drei Gründen nicht: Zum ersten ist die Temperatur mittlerweile, gegen Mittag, doch bereits um fünf Grad gestiegen, zum zweitens hilft die Bewegung beim Graben wirksam gegen alles Frösteln. Und zum dritten wird es einem bei ortoloco, wo so eine vielfältige Community beisammen ist, wo geerntet, gelacht und philosophiert wird, zum dritten wird es einem da immer warm ums Herz.
