Mein Fondlihof – Forty Niners im Radieschenbeet
Die Tese geht unter die Radiesli-Goldgräber und erhält ein Messertäschli geschenkt

Der Wetterbericht für heute war schlecht gewesen, aber dann war es überhaupt nicht schlimm. Kein Tropf Regen! Und zwar kühl, bedeckter Himmel – aber alles blüht und duftet bei ortoloco! Als die Tese um zwanzig vor acht Uhr auf dem Weg zum Hof einbog, empfing sie der fast überirdisch köstliche Duft des Koreanischen Schneeballs – Vibunum carlesii, ein wunderschöner zartrosa Strauch, und alle, die sich dem Fondlihof nähern, eben mit einer überwältigenden Duftwolke enpfangend.

Und die Kirschenplantage! Sie blüht und strahlt. Die Tese war ängstlich gewesen, vom fernen Biel aus, die letzten vierzehn Tage – haben die Kirschen den harten Frost Ende März überstanden? Sie fragt der Reihe nach alle, die sie antrifft – Praktikantin Soraya, Gärtnerin Rosa und Landwirt Finn. Und der Bescheid ist gut – man scheine davongekommen zu sein, sagt Finn. Das hart arbeitende Fachkräfteteam hat bei den Kirschen Frostkerzen eingesetzt und die Apfelblüten durch Isolieren mit Eis geschützt--- eine Riesenarbeit, gefolgt von Warten in Anspannung, und was sind wir jetzt froh.
Rosa – die Gärtnerin Rosa mit dem schönen Zopf, wir haben ja zwei Rosas bei ortoloco, die andere ist die Rosa aus der Donaumonarchie mit dem feinen Hoftee – die Gärtnerin Rosa also kommt mit Erntekisten auf dem Veloanhänger gefahren und hat noch etwas anderes mitgebracht, etwas ganz Wunderbares! Sie hat der Tese nämlich ein eigenes Messertäschchen gemacht! Mit eingekerbtem «T», und das Messer darf die Tese zusammen mit dem Täschli behalten und jetzt immer damit ernten. Eine so feine Sache! Und oh, wie würde das Jackie freuen. Jackie – Teses Ehemann, der vor 19 Monaten gestorben ist und eigentlich anders heisst, aber sonst stimmt alles, was über ihn hier gelegentlich berichtet wird – Jackie war über 35 Jahre lang mit der Tese zusammen und darum war ihm natürlich bekannt, dass die Tese ein Messer-Fan ist, mit Vorliebe auch immer ihre eigenen Kochmesser hatte, und nun also ein ortoloco-Erntemesser mit eigenem Messertäschchen. Ja Leute, ich weiss, jetzt möchtet ihr auch eins. Ich hab’s erhalten, weil ich für die Morgenernte jeweils den Zug 5Uh42 in Biel nehme, also um halb fünf aufstehe. Ich denke, wenn ihr früh aufsteht und mich von Biel aus nach Dietikon begleitet, kriegt ihr auch eins.


Auch heute ernten keine Buben mit. Ausser der Tese sind von den Gnossis Susanne und Theresia dabei, und Elizabeth Steenwyk. Eilzabeth stammt aus Michigan, hat bevor sie vor noch nicht allzu langer Zeit nach Zürich Höngg kam, in elf US-Städten quer über den Kontinent gewohnt und ist froh, wenn wir uns vorläufig noch auf Englisch mit ihr unterhalten. Die Tese packt mit Vergnügen ihr Westernenglisch aus früheren Zeiten aus und unterhält sich in der Folge beim Ernten ganz vortrefflich mit Zab - das ist Elizabeths Shortname, so wird sie genannt.
Wir ernten zuerst den Schnittsalat, der wieder prächtig nachgewachsen ist, und dann auch wieder Rucola. Und hallo, der Rucola! Der ist überhaupt nicht mehr verschüchtert wie noch vor 14 Tagen, er duftet fast so verführerisch wie der koreanische Schneeball, und er pflustert sich, geerntet in der Kiste, richtiggehend auf.

Und dann geht es zu den Radieschen! Die sind zwar in nasskalter Erde versenkt, aber das Ganze wird dennoch ein riesiger Erntespass. Nur die grossen Radieschen sollen wir heute ernten, sagt Rosa, und im Allgemeinen sieht man es ihnen ja von oben ein wenig an, ob sie schon taugen. Aber das Radieschenlaub steht so dicht, dass man zuerst überhaupt gar keine Radieschen erblickt, man muss das Laub beiseite biegen und sie richtiggehend aufspüren. Und welche Wonne, wenn man sie dann eben findet. Wie nach Gold graben, ruft die Tese auf Westernenglisch zu der Zab hinüber, «kinda Forty Niners, ay?» Zab lacht zustimmend, sie hat auch mal in Kalifornien gewohnt und versteht somit die Anspielung auf den kalifornischen Goldrausch aufs Beste.
Schöne saubere Bündeli machen wir, je ein Gummibändchen zweimal darum gewickelt. «Rubber band» lehrt mich Zab, «Gumeli» lernt sie von mir.

In der Pause werden die Gespräche heute auch auf Englisch geführt, und wir erfahren von Robi viel Interessantes über das Düngen mit der Gülle der Rinder. «Liquid manure» auf Englisch, lernen wir, und «manure» bedeute generell Mist, Dünger, auch festen Mist. Es ist ziemlich tricky mit dieser Terminologie, und die Tese hütet sich, noch einzuwerfen, auf Berndeutsch heisse es gar nicht Gülle, sondern Bschütti.
Nach der Pause ernten wir die Radieschen fertig – 130 Bündchen braucht es für die Abotaschen.
Und danach gehen wir noch für eine Stunde mit Robi aufs Feld - jäten in den Puffbohnen. Wir schaffen fast die ganze lange Reihe, die Zeit vergeht im Nu.

Die Tese kauert bei den kleinen Puffbohnenpflanzen, nur ein paar Zentimeter hoch, und freut sich schon auf die Zeit, wo die ihr dann bis fast zum Kinn gehen werden und erntereif sind. Bei ortoloco gibt es eben immer etwas, worauf man sich freuen kann, man kann das nicht oft genug sagen.
Und das erste vierblättrige Kleeblatt der diesjährigen Saison auf ortolocos Feldern findet die Tese dann auch noch. Lasst es euch gut gehen, liebe Gnossis.
