Hofbericht

Mein Fondlihof – Cucurricita, Emma und die Drachenwärre

Die Tese erntet Edamame und Mais und lernt den «Corn Smut» kennen

Mein Fondlihof – Cucurricita, Emma und die Drachenwärre
SliceTextWithImages

Es ist Herbst geworden, nun doch, nach heftiger Gegenwehr des Sommers. Es ist noch stockdunkel, als die Tese mit dem Zug 5h42 Biel verlässt, und die Dämmerung setzt erst nach Zürich HB, gegen Dietikon, ein.

Als sie kurz nach halb acht auf dem Hof eintrifft, erwartet sie eine ganz besondere Attraktion! Nicht nur sitzt nämlich zu ihrer Freude Michał mit der Zeitung vor dem Haus, sondern es spaziert auch ein Huhn auf dem Platz herum. Es beäugt die Tese scharfen Auges. Hat es einen Namen? fragt die Tese, und Michał schlägt «Cucurricita» vor. Als Finn etwas später Cuccuricita wieder in den Hühnerstall komplimentiert, nennt er sie Emma. Cuccuricita hört auf beides.

Dann treffen die Erntegspänlis ein: Barbara, mit der Tese auch schon geerntet hat, und Flo, der sich mit seiner Partnerin Isabel und einem befreundeten Paar ein Abo teilt. Und dann kommt in hoher Geschwindigkeit noch Zab mit dem Fahrrad herangebraust! Zab aus Michigan und jetzt Höngg, Zab, die so eifrig und gut deutsch lernt, und mit der die Tese im März schon Radieschen geerntet hat, und im Juli Rüebli.

Zuerst geht Gemüsegärtnerin Rosa mit dem schönen Zopf mit uns zu den Edamame. Da gilt es heute die Hälfte abzuernten, am Mittwoch wird dann für die zweite Serie der Abos der Rest des Feldes geleert. Zab und Flo reissen die Stauden aus, wir drei andern pflücken die Schoten ab. Die Edamame geben immer recht viel zu tun, aber sie sind bei den Gnossis sehr beliebt, und man kann sich beim Ernten sehr gut über die verschiedensten Themen unterhalten.

Den Edamame gegenüber steht dunkelgrün und stolz ein Feld Catalogna. Den ernten wir heute nicht, aber wir sprechen davon. An Catalogna scheiden sich die Geister. Als Zichoriengewächs zeichnet er sich durch ein bitteres Aroma aus, was die einen lieben, die anderen nicht so mögen. Christian Vetter liebe den Catalogna sehr, weiss Rosa. Die Tese wirft lüsterne Blicke hinüber zum Catalognafeld, Rosa sieht es und lädt sie ein, einen Catalogna zu ihrem Privatgebrauch zu schneiden.

Nach dem Edamame geht es zur Maisernte, und da trifft es die Tese nun mit Zab zusammen. In zwei Reihen einander gegenüber brechen sie die reifen Maiskolben aus den Stauden.

Sie habe wohl in ihrer Heimat noch nie so ein grosses Maisfeld gesehen, witzelt die Tese, denn Zab stammt aus dem Cornbelt der USA, und da sieht man sie stundenlang fahren, die riesigen Traktoren entlang unendlicher Maisfelder bis an den Horizont…. Aber jetzt ist Zab aus Grand Rabbits, Michigan, in Höngg und bei ortolocco angekommen, und mit Eifer und Freude dabei, von Hand ihren eigenen Mais auf ihren eigenen Teller zu ernten.

Die Znünipause findet wieder im schönen Fondlihofgarten statt, und Barbara, Flo und die Tese tauschen sich jetzt aufs bunteste mit Zab über allerlei Sprachmetaphern aus. Die Zab lernt von Flo, dass «für ‘n Appel und ‘n Ei» heisst, dass es Sachen beinahe «for free» gibt, und dass es bedeutet, dass wir sie an der Nase herumführen wollen, wenn sie zu uns sagt «You’re pulling my leg.»

Nach der Pause sind wir dann noch einmal im Maisfeld, und plötzlich ertönt eine Art Freudenschrei von Zab. Sie ist auf einen Maispilz, einen «Corn Smut» gestossen! Sie sortiert ihn aus, der sei sehr fein zu essen, und sie will ihn sich zuhause zubereiten. Ich finde später beim Zurüsten der Kolben einen weiteren und schenke ihn Zab noch dazu.

Fast ein wenig unheimlich sehen diese Corn Smuts aus, und unheimlich geht es auch im Gespräch weiter. In Barbaras WG ist eine Nosferatu-Spinne aufgetaucht, und der Tese, die Spinnen liebt – echt! – war die Existenz von Nosferatu-Spinnen bisher nicht bekannt gewesen. Sie fasziniert sich an dem schön grusligen Namen und gibt zu, dass dafür wiederum sie keine Maulwurfgrillen mag, keine «Wärre», im Dialekt. «Wärre» übt Zab eifrig zu sagen, aber als wir ihr das Tier ins Englische übersetzen wollen, geraten wir ins Stocken. «Cricket», fällt Barbara ein, und das stimmt zwar, aber das sind bloss die kleinen, die abends hübsch Musik machen in den Bäumen. Die Wärre dagegen lebt undercover, wenn sie nicht doch mal durch einen Erdgang hochkrabbelt und der Tese furchtbar graust. Tese zeigt Zab eine Maulwurfsgrille auf dem Handy, und Zab kreischt höchst zufriedenstellend auf. Das sei nicht ein Cricket, das sei ein Dragon Cricket, eine wahre Drachenwärre.

Es bleiben dann noch 20 Minuten, in denen drei von uns die Bewässerungsrohre verlegen helfen, während Flo und ich noch Cherrytomaten in allen Farben pflücken.

Nur noch zwei Wochen wird es Tomaten geben, dann wird die Tomatenplantage abgeräumt. Etwas Wehmut befällt einen da, aber, so sagt Rosa, dann freuen wir uns eben schon auf das nächste Jahr! Und nach den Tomaten wird über Herbst und Winter ohnehin dann zweifellos auch etwas sehr Feines hier zu wachsen kommen – Spinat oder Nüsslisalat… – die Tese wird’s euch dann erzählen.