Mein Fondlihof – Carlottas Lieder und die orange Vorfreude
Die Tese erntet in der strahlenden Sonne und das Pausen-Gipfeli gibt es heute auch draussen

Am Morgen, als die Tese anreist, ist es noch kühl. Im Bahnhof Dietikon, wo sie auf die von Altstetten herkommende Limmattalbahn wartet, zieht sie alles an, was sie bei sich hat: Pulswärmer, Mütze, Wollschal.
Im Gemüsetunnel wärmt es aber dann nachher schnell. Rosa, die Gemüsegärtnerin mit dem schönen Zopf, leitet uns an, und diesmal sind auch wieder mal Buben dabei. Jonas und Adrian, und Adrian hat seine Tochter Carlotta mitgebracht. Sie geht in den zweiten Chindsgi, kann aber schon ernten wie eine ganz grosse.
Auch dabei sind ausser der Tese noch Simone und die graziöse junge Clio. Sehr passend, dass sie nach einer griechischen Muse heisst, denkt die Tese – ob man sie wohl auf ihren aparten Namen ansprechen darf? Sie wagt es, und Clio nimmt das locker und freundlich auf. Ja, sie werde schon oft angesprochen – weil sie halt ja auch wie ein Auto heisse. Die Tese, die nicht autofährt und dafür eine Affinität zur humanistischen Bildung hat, ringt die Hände. Aber natürlich, zugegeben… - «Renault Clio full hybrid E-Tech» weiss das Internet unter anderem….
Wir gehen zügig zu den Gemüsetunneln. Lumpaz, Rosas Hund, begleitet uns und hüpft fröhlich neben uns her. Beim Schnittsalat lässt er sich behaglich nieder und schaut zu, wie wir ernten.


Nach dem Schnittsalat geht es wie vor einer Woche zu den Radieschen. Aber oho! Nichts mehr von Goldrausch-Romantik und voller Spannung besonders grosse Radieschen suchen, und sich dann einen Kick nehmen ob gewaltiger Funde! Heute soll einfach das ganze Feld abgeerntet werden, quasi nach dem unzimperlichen Motto «Alles muss raus».
Alle Radieschen werden zackig ausgezogen und die kleineren ausgeschieden. Sie bleiben auf dem Feld liegen und kommen zum Kompost. Wir können sehr schöne, reichhaltige Bündchen machen, aber dennoch hat es fast etwas Wehmütiges, bis dann Rosa sagt, dass jetzt da, wo wir das Feld leerräumen, bald Tomaten hinkommen, oder anderes Sommergemüse, das planungsmässig in der Pipeline ist. Und das gibt dann gleich wieder eine tolle Perspektive, man darf sich Tomaten und Zucchetti und etwas später auch Auberginen in allen Farben und Formen ausmalen.
Beim Radieschen ausziehen kann man sich sehr gut miteinander unterhalten. Mit Carlotta, dem Chindsgi-Mädchen, ganz besonders. «Wie viel Chinde seid ihr?» fragt die Tese in lupenreinem Zürichdeutsch, denn sie weiss, dass im Zürichbiet die Mehrzahl von Chind, anders als im Berndeutsch, «Chinde» lautet. Es sind 16 Chinde in Carlottas Klasse, und sie erzählt uns, was sie alles machen miteinander, und dass dazu natürlich auch Singen gehört. Carlotta singt uns tolle Kindergartenlieder, und dann auch noch englische, und «We are the world» singen wir dann alle miteinander, denn das ist generationenübergreifend. Zu Weihnachten hat sich Carlotta ein Klavier gewünscht. «Ich habe es bekommen!» strahlt sie, und fügt, weil sie schon als Fünfjährige eine Pointe sehr treffend zu setzen weiss, hinzu: «Vom Christkind! Man hat nämlich überhaupt keinen Transportlärm gehört!»
Das Radieschenfeld im Gemüsetunnel liegt gerade bei der Anzuchtstation. So können wir auch Pikiermeisterin Andrea und Praktikantin Soraya bei der Arbeit zusehen. Soraya pflanzt «Bush Delicata» -Saatgut in Töpfchen – daraus wird dann dereinst ein köstlicher, länglich hellgelber Kürbis mit grünen Streifen und einem nussig-süsslichen Geschmack.


Und dann ist Pause. Auf dem Weg zum Fondlihof zurück steht da plötzlich Rosa im Gegenlicht, und zwar die andere Rosa, die aus der alten Donaumonarchie, denn heute sind beide Rosas da! Die Kräuter- und Teegruppe, wo sich die oberösterreichische Rosa stark und kompetent einbringt, ist daran, zäh wuchernde Brombeerranken zu roden.
Mittlerweile ist es so schön warm geworden, dass wir draussen Pause machen und im herrlichen Garten mit all den Frühlingsblumen frühstücken können. Michał und die Tese sitzen einträchtig nebeneinander und hören verschiedenen interessanten Gesprächen zu. Und Michał hat wieder feine Gipfeli mitgebracht!

Nach der Pause ernten wir etwas ganz Fantastisches. Die Tese hat das bisher nicht gekannt: Junger Knoblauch! Allium sativum, sieht ähnlich aus wie Frühlingszwiebeln, aber es ist echter, herrlicher Knoblauch, er kann fein geschnitten und roh gegessen werden, oder gedünstet. Wir ernten 260 Stück, die Gnossis dürfen sich freuen, ihn in ihrer Abotaschen zu bekommen.
Und dann reicht es auch diesmal für eine halbe Stunde jäten, diesmal in den Rüebli, die noch winzig klein sind, so wie das sie dicht begleitende Unkraut auch. Fast sollte man mit Vergrösserungsglas und Pinzette jäten, aber das Ernteteam ist scharfsichtig und erledigt die Aufgabe mit Geschick.
Dazu lässt sich ausmalen, wie im Juni dann die sauber gejäteten Rüebli geerntet werden können, und je weiter die Tese im langen Feld herunterjätet, desto oranger wird ihre Vorfreude.

Carlotta baut noch mit ihrem Papa ein schönes Steinmannli auf, und schon ist es dann bereits wieder Mittag.
Gemüsegärtnerin Rosa beginnt die Bewässerungsanlage einzurichten, und die oberösterreichische Rosa fährt auf ihrem neuen Fahrrad fröhlich winkend an der Tese vorbei, die auf dem Weg zum Bahnhof ist.
Bis bald, liebe Gnossis.