Mein Fondlihof – Topaz und andere Juwelen
Bei nasskühlem Wetter erntet Tese heute eine kulinarische Sensation: Den saftig säuerlichen, einfach herrlichen Lagerapfel Topaz – wirklich ein Edelstein.

Der jähe Wetterumschwung von heissem Hochsommer zu Herbst hat auch in Dietikon Einzug gehalten. Die Blätter verfärben sich auf dem Fondlihof, ein einsames Johanniskraut an der Böschung gibt noch das Letzte an Leuchten und Wirkungskraft her, das Rondinifeld ist abgeräumt. Aber ortoloco lässt wenig Wehmut zu, wenn man weiss, wo hinschauen: Auf der Pikierstation im ersten Gemüsetunnel ist wie immer vieles in der Pipeline – unglaublich, was Andrea und ihr Team da immer schaffen. Eine Kultur zieht Teses Interesse besonders auf sich: Tatsoi! Viele Gnossis sagen ja, dass sie bei ortoloco so viele neue interessante Gemüse kennenlernen, und auch die Tese hat den Tatsoi nicht gekannt: Tatsoi, Brassica rapa convar. narinosa, ein Cousin des Pak Choi und des Chinakohls – lecker muss der dann sicher schmecken, das ist jetzt schon klar, angesichts dieser hübschen Pflänzchen.

Dann ist es Zeit, allmählich nach vorne zurück auf den Hof zu gehen, wo man sich auf 13h30 hin zum Antritt der Ernte trifft. Tina kommt gerade aus dem Haus und lädt noch zu heissem Kaffee und Tee im Pausenraum ein.
Da kann man einige begrüssen, die hier Mittag gegessen haben – darunter zu Teses Freude auch zwei der allerjüngsten Mitglieder der ortoloco-Community: Freya und Leonidas. Sie sind Zwillinge, noch im Krabbelalter, aber durchaus bereits dem gewichtigen abendländischen Erbe, das sie durch ihre Namen vertreten, sehr würdig gewachsen. Freya sitzt auf Vanessas Schoss, selig göttlich lächelnd, und fühlt sich offensichtlich so, wie wir Erntehelfenden uns fühlen, wenn Vanessa uns zum Obstpflücken anleitet: Gut aufgehoben. Freyas Zwillingsbruder Leonidas dagegen thront königlich und knapp bekleidet auf dem Tisch, seiner Mutter gegenüber, die vor ihm steht und mit einem Lappen Spuren seines Mittagessens beseitigt. Leonidas ist sehr zufrieden mit sich: Er hat es geschafft, hübsche Sprenkel und Schlieren seiner zartgrünen Gemüsemahlzeit völlig unspartanisch bis zu seinen niedlichen Zehen hinunter zu verteilen.
Und dann, nach Kaffee und Tee, geht es in die Topaz-Ernte! Einmal mehr ist Vanessas Einführung wunderbar. Sie versetzt uns in die Welt des Lagerobstes, erklärt die Eigenschaften des Apfels Topaz so, dass man sich sogleich in ihn verliebt, und schildert, wie er zu pflücken ist.

Lagerobst darf nicht überreif geerntet werden. Also Schneewittchen-Deckfarbe-Rot wie gehabt, aber die grüne Seite soll auf keinen Fall schon sehr gelb sein. Ein wenig gelblich schon, aber nicht bereits goldgelb. Treffen wir rote Topaz mit schon kräftig goldgelber Färbung an, sind wir gehalten, sie auszusortieren, auf den Boden, für das Mostobst. Denn der Topaz ist ein wunderbarer Mostapfel, und der Fondlihof produziert jedes Jahr herrlichen Most, auf den er mit Recht sehr stolz ist – 4000 bis 5000 Liter sind das insgesamt, wie Tina später in der Pause erklärt. Und darum also sind stark reife Topaz-Äpfel sehr willkommen als Mostäpfel, und eben weniger geeignet für ins Lager, da die Gefahr besteht, dass sie im Laufe der Monate in der Lagerung dann mehlig werden und nicht mehr so gut schmecken.
Auf die Grösse sollen wir natürlich auch achten – Topaz, die knapp in der Grösse sind, besser noch eine Woche hängen lassen. Aber ein Topaz mit einer schönen Satellitenform und gut in der Farbe kann auch geerntet werden, wenn er noch nicht so gross ist. Insgesamt sollten wir aber jeweils nicht zu lange werweisen, damit die Ernte heute gut vorankomme – am Donnerstagmittag wird das Lagerobst dieser Woche abgeholt, und da soll eine schöne Menge bereitstehen. Lagerobst ist teuer, das lernen wir auch von Vanessa und von Tina – es muss der Transport bezahlt werden, und die Lagerung selbstverständlich auch. Aber der Fondlihof will natürlich Lagerobst produzieren, denn was die vielen schönen Bäume – zu einem Teil noch vom früheren Fondlihofbauer Sämi angepflanzt – auf der grossen und auf der kleinen Obstanlage hergeben, könnte gar nicht alles frisch an die Gnossis abgegeben werden. Mit dem Lagerobst erhalten alle bis weit in den Frühling hinein herrliches Obst in ihre Abo-Taschen. Was Freude macht: Sowohl die Pico Lebensmittel AG, die für ortoloco den Transport besorgt – sie baut das klug in ihre eigenen Transportabläufe ein – wie auch die Vogt Obstbau AG in Remigen, die das Fondlihof-Obst für ortoloco lagert, sie tun dies zu fairem Preisen und in wertschätzender Haltung. «Bei Vogt wissen sie zu jeder Zeit praktisch auswendig, wieviel von welcher Obstsorte wir noch bei ihnen im Lager haben», sagt Tina.

Und so ernten wir also jetzt fleissig Topaz – mit Jasmin, Marcel One und Marcel Two, nachdem uns Tina noch auf möglichen Krankheitsbefall aufmerksam gemacht hat – der zum Glück beim Topaz nicht sehr häufig ist. In der Tat, «Kelchfäulnis» trifft die Tese hier keine an, und «Lentizellenfäulnis» auch nicht. Die Apfelsägewespe hat ein paar Spuren von leichten Narben in der Obstschale einiger Äpfel hinterlassen, das ist aber nicht schlimm, der Apfel fault nicht, und diese Früchte sind immer noch sehr gut geniessbar.


Pause ist heute später, und gegen 16 Uhr, als unser Erntetrüppchen wieder aufs Feld geht, beginnt es zu nieseln. Die restlichen eineinhalb Stunden ernten wir im Regen, aber das macht der Tese nichts aus. Denn es ist interessant, vis-à-vis von Marcel One zu ernten, der schon seit 50 Jahren in der Fotokunst tätig ist und schon bald eine Ausstellung konzipieren wird. Und mit Tina, die oben auf der Leiter steht, lassen sich bei der Arbeit auch immer lehrreiche Gespräche führen.
Und später im Zug dann, auf der Linie Dietikon Bahnhof - Zürich HB, in einem verwaisten Zugabteil, wechselt Tese Socken und Schuhe und ist auf der Heimfahrt nach Biel sehr angenehm im Trockenen.
